Im Bereich der Säuglingsernährung besteht die Aufgabe für die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen darin, die Gesundheit von Müttern und Kindern bestmöglich zu unterstützen. Dazu gehört, Stillen zu ermöglichen, sodass mehr Mütter länger stillen können, und bei Bedarf Eltern individuell zu den bestmöglichen Alternativen zu beraten. Das primäre Interesse der Hersteller von Muttermilchersatzprodukten besteht darin, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Dafür müssen sie Mütter dazu bewegen, weniger zu stillen und mehr Muttermilchersatz zu kaufen. Diese beiden Interessen stehen im Konflikt. (siehe Clark

Wenn Mitarbeitende im Gesundheitswesen oder ihre Berufsverbände Zuwendungen von der Babynahrungsindustrie bekommen, geraten sie damit in den Konflikt zwischen Stillförderung und Verkaufsförderung für Muttermilchersatz: Sie stehen in einem Interessenkonflikt. Dieser Begriff beschreibt einen Zustand, nicht ein konkretes Verhalten.

Interessenkonflikte bergen das Risiko, dass Meinungen und Verhalten bewusst, vor allem aber auch unbewusst beeinflusst werden. Dafür gibt es viele empirische Belege. Das Risiko lässt sich am besten ausschließen, indem der Interessenkonflikt als solcher wahrgenommen und vermieden wird. Wenn das nicht möglich ist, müssen Interessenkonflikte offengelegt, benannt und reguliert werden.
Prof. David Klemperer schreibt: „Ein öffentlich nachvollziehbarer und Vertrauen schaffender Umgang mit Interessenkonflikten ist daher eine berufspolitisch unabdingbare Anforderung für den Erhalt des Ansehens und des gesellschaftlichen Status des Arztberufs.“ (Klemperer 2008).

Dankbarkeitsfalle

Wer eine Zuwendung annimmt, gerät unvermeidlich in die Dankbarkeitsfalle, dafür etwas zurückgeben zu müssen. Diese Reziprozitätsregel ist eine fest etablierte soziale Norm. Prof. David Klemperer schreibt: „Die Reziprozitätsregel funktioniert weitgehend unabhängig von der Größe der Gabe – auch kleine Gaben veranlassen zu Gegengaben, die teils im Wert unverhältnismäßig sind. - Personen, die sich der Reziprozitätsregel bewusst sind, sich aber als resistent oder nicht beeinflussbar wahrnehmen, sind sogar besonders anfällig für Beeinflussung. Dies liegt daran, dass sich die „Illusion der Unverwundbarkeit“ (das Gefühl, nicht beeinflussbar zu sein) als unzureichender Widerstand gegen Beeinflussungsversuche manifestiert.“

Zum Schutz des Stillens Interessenkonflikten vorbeugen

Die WHO hat 2016 in einer Richtlinie erläutert, in welchen Situationen Interessenkonflikten in Bezug auf Hersteller und Händler von Muttermilchersatzprodukten entstehen. Jede Mitarbeiter*in, jeder Berufsverband und jede Einrichtung im Gesundheitswesen sollte Folgendes beachten:

  • keine kostenlosen oder vergünstigten Produkte oder Proben für Familien über Mitarbeiter*innen oder Einrichtungen (außer bei offiziellen Programmen, dann ohne Markennamen)
  • keine allgemeinen Veranstaltungen und keine Elterninformation mit den Firmen im Bereich der Einrichtungen
  • keine Zuwendung von Material, Geräten oder Dienstleistungen für Einrichtungen im Gesundheitswesen
  • keine Geschenke oder Prämien an medizinisches Fachpersonal
  • kein Sponsoring für Fortbildungsveranstaltungen oder wissenschaftliche Zusammenkünfte.

P.S.

Auch Anzeigen in Zeitschriften für Muttermilchersatzprodukte beeinträchtigen das Stillen. Die damit verbundenen Einkünfte erzeugen Interessenkonflikte. 2019 beschloss die Zeitungsgruppe des British Medical Journal deshalb, keine Anzeigen von Babynahrungsfirmen mehr aufzunehmen, trotz des damit verbundenen finanziellen Verlustes von rund 300 000 £ pro Jahr. F. Goodlee schrieb im Namen der Herausgeber: „Anstatt Teil des Problems zu sein, wollen wir Teil der Lösung sein.“

Literatur